Mutiger Schulleiter: Rüffel im Kopftuchstreit

Oktober 13, 2008 by  

Bernd Hinke, Leiter der Anne-Frank-Realschule an der Ackerstraße, hat sich – wir haben berichtet – gegen Kopftücher an seiner Schule ausgesprochen. Begründung: Wir lebten “in einem Land, das an christlichen und demokratischen Werten orientiert ist. Das Kopftuch wird von uns als Symbol der Unterdrückung der Frau und fehlender Gleichberechtigung betrachtet. Es widerspricht somit nicht nur den entsprechenden Bestimmungen des Grundgesetzes, sondern auch den Werten, die wir unseren Schülerinnen und Schülern vermitteln wollen.”

Jetzt hat die Bezirksregierung den Schulleiter dafür gerüffelt. Hinke kündigte in BILD heute eine Erklärung an, man darf gespannt sein. Der engagierte Pädagoge hatte kürzlich eine verbindliche Schulkleidung (siehe Foto) eingeführt, für die sich bereits rund 350 von 500 Schülern entschieden. Als Kopfbedeckungen gibt’s Baseball Caps und Ohrwärmer, Kopftücher sind nicht dabei.

Der Dauerstreit um das Kopftuch ist schon lange ein Disput zwischen denjenigen, die kulturelle Selbstbehauptung und demokratisch basiertes Selbstbewußtsein im Sinn haben und denen, die glauben aus Gründen politischer Korrektheit das Kopftuch als Ausdrucksmittel religiöser Überzeugung ansehen zu müssen.

Kein Wunder also, dass Islamwissenschaftler wie Michael Kiefer Integrationsminister Laschets “Handreichungen für muslimische Schüler” kritisieren. Der kritische Kopf Ralph Giordano rät ohnehin, muslimischen Männern eher Handschellen anzulegen als Frauen Kopftücher und sieht wie andere liberale Geister das Kopftuch als “Sieg des politischen Islam”. Auch die Düsseldorfer Schüler-Union will schon lange Schülerinnen das Kopftuch verbieten.

In welchem Kontext das Kopftuch steht,  kann man auf dieser Serviceseite für islamische Frauen nachlesen.

Nachtrag: Spiegel Online: Wie Rektoren das Kopftuchverbot ausweiten wollen

Kommentare

3 Responses to “Mutiger Schulleiter: Rüffel im Kopftuchstreit”

  1. Gabi Schmidt on Oktober 13th, 2008 18:58

    Gabi Schmidt, Sozialpädagogin
    Mönchengladbach

    Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge
    Mönchengladbach

    Dem Integrationsbeauftragten der
    nordrhein-westfälischen Landesregierung
    Herrn Thomas Kufen

    Kopftuchfreies Klassenzimmer

    Sehr geehrter Herr Kufen,

    Sicherlich haben Sie von der zivilcouragierten Entscheidung der Düsseldorfer Anne-Frank-Realschule gehört.

    Als Sozialpädagogin und Nachhilfelehrerin, Schwerpunkt Sprach- und Lernförderung leiten wir einen kleinen gemeinnützigen Verein und betreuen mit vier Kolleginnen und Kollegen Schülerinnen und Schüler verschiedener Altersstufen, darunter einige Mädchen und Jungen aus muslimisch geprägten Familien.

    Auch in unseren Gruppenstunden sowie in der Mädchengruppe, die von einer weiteren Kollegin geleitet wird, bleiben Baseballkappen, Baskenmützen und Kopftücher aller Art von Lehrenden wie Lernenden am Garderobenhaken hängen. Wir sind der Meinung, dass Hijab, Niqab, Tschador und Burka Kennzeichen für Gender-Apartheid und Unterdrückung von Frauen und Mädchen sind, ’reine’, verschleierte Muslimas von weitem kenntlich machen sollen und sie von den ’unreinen’ Muslimas und Nichtmusliminnen abgrenzen.

    Die in der Beratung von Migrantinnen und Migranten tätige, türkisch-kurdische Schriftstellerin und Kopftuchgegnerin Sonja Fatma Bläser vertritt die Ansicht, dass Vertreter des orthodoxen Islam Männer zu unmündigen, triebgesteuerten Wesen erklären würden, die sich nicht gegen die verführerischen Reize von unverschleierten Mädchen und Frauen wehren könnten. Damit diskreditiert das Kopftuch bereits kleine Mädchen als Verführerinnen, baut bei muslimischen Klassenkameradinnen, die ihre Haare nicht bedecken, hohen Konformitätsdruck auf, ein Kopftuch zu tragen und diskriminiert Nichtmuslime, säkulare Muslime und Ex-Muslime.

    Das Tragen dieser Textilien behindert einen respektvollen Umgang miteinander, fördert undemokratische Weltbilder, patriarchalisches Rollenverständnis und verstößt sowohl gegen das Grundgesetz als auch gegen die Werte, Normen und Erkenntnisse der Aufklärung.

    Zum Recht auf die ‘Freiheit‘ das Kopftuch anzulegen gehört immer auch das Recht auf die Freiheit, ohne Furcht darauf verzichten zu können. Freiheit, so wie viele säkulare Musliminnen und Muslime von Necla Kelek, Serap Cileli, Seyran Ates und Fatma Bläser bis zu Bassam Tibi sie verstehen, ist die Möglichkeit ohne Zwang, Angst vor Bestrafung oder Ausgrenzung und ohne Bevormundung zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten wählen zu können.

    Gänzlich kopftuchfreie koedukative Kindergärten und Schulen, in denen sich nicht nur Erzieherinnen und Lehrerinnen, sondern auch die Mädchen unverschleiert bewegen dürfen (französisches Modell), sind sicherlich für alle Schülerinnen und ihre männlichen Klassenkameraden (unabhängig von einer Religion oder Nichtreligion) ideale Lern- und Experimentierfelder des Erarbeitens von Gender-Rollen und Handlungsspielräumen, die gerade den Kindern, Jugendlichen und Heranwachsenden aus konservativen Familien mit muslimischem Migrationshintergrund sowie zum Islam konvertierten autochthonen Eltern ansonsten fehlen würden.

    Wie beispielsweise Frau Mina Ahadi, Frau Arzu Toker und Frau Fatma Bläser, die den Konformitätsdruck in orthodoxen muslimischen Familien aus eigener Erfahrung kennen, vertreten auch wir die Meinung, dass die Mädchen in solchen Milieus sich nicht gegen das Tragen von Kopftüchern wehren können. Wir würden als Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen auch gerne neun- und zehnjährige Mädchen, bei Südländerinnen setzt die Pubertät nämlich meist früher ein, für einige Stunden von der Verantwortung entlasten, „allein vor Gott“ (Balaban, LAGA) zu stehen und angeblich völlig selbstbestimmt zu entscheiden wie man sich kleidet. Auf dem Hin- und Rückweg zu/von unseren Gruppenräumen können die Schülerinnen ihre Haare ja bedecken.

    Als (Sozial-)Pädagoginnen und (Sozial-)Pädagogen haben wir die Aufgabe, die uns anvertrauten Schülerinnen und Schüler zu aufgeschlossenen, selbstbewussten und kritisch-kosmopolitischen jungen Demokratinnen und Demokraten zu erziehen, die das nötige Rüstzeug besitzen, sich später in einem ihren Neigungen, Fähigkeiten und Wünschen entsprechenden Berufs- und Privatleben verwirklichen zu können.
    Vielleicht interessiert Sie, dass Fatma Bläser unter anderem Vorträge zum Thema Kopftuch hält. Hier der Link zu ihrer Homepage.

    http://www.hennamond.de/

    Mit freundlichen Grüßen
    Gabi Schmidt, Sozialpädagogin
    Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge

  2. Ursula Ross on Oktober 23rd, 2008 22:11

    Sehr geehrte Frau Schmidt und Herr von Roy,

    ich und viele andere, ob Christen oder Muslime, sind ganz Ihrer Meinung. Man kann nur vermuten, dass die muslimischen Verbände großen Einfluss auf die Poliker haben. Sie wollen ihre Wähler nicht verlieren, deshalb werden dementsprechend keine Gesetze gemacht. Auch ich kenne viele muslimische Frauen, die gezwungen werden ein Kopftuch zu tragen und auch gegenüber ihrer männlichen Verwandtschaft benachteiligt werden und nur ganz wenige Frauen sind so stark, dass sie sich auflehnen.
    Wenn Sie vielleicht mal eine Unterschriftenaktion bezüglich dieses Themas machen sollten, würde ich mitmachen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ursula Ross

  3. Gabi Schmidt on November 24th, 2008 02:13

    Sehr geehrte Frau Ross,

    vielen herzlichen Dank für Ihre ermutigenden Worte. Leider lesen wir ihr Nachricht erst jetzt. Wir meinen auch, dass es WeltbürgerInnen jeder (Nicht-)Religion gibt, die uns hinsichtlich des ‘ideologisierten Tuches auf dem Frauenhaar’ zustimmen.

    Inzwischen ist dieses Thema als Petition beim NRW-Landtag (Petitionsausschuss) eingegangen, formlos kann jeder ‘mitzeichnen’; siehe dazu etwa bei ‘kritiknetz’: Prof. Gess veröfffentlichte sie freundlicherweise dort am 05.11.2008
    http://www.kritiknetz.de/?position=artikel&aid=463

    Mit freundlichen Grüßen
    Gabi Schmidt
    Edward von Roy