Nussknacker: Umjubelte Premiere – Tschaikowsky berühmtes Ballett in der Rheinoper

Oktober 28, 2021

Tanz der Mäuse mit Clara ( Emilia Peredo Aguirre) und dem Nussknacker (Orazio Di Bella) Foto: Bernhard Weis

Von Gisela Rudolph

Nix da mit Weltuntergangsstimmung durch Klima-, Corona- und sonstige Krisen! Das Düsseldorfer Haus der Deutschen Oper am Rhein bot dem allen herzerfrischend Paroli mit der Premiere von Tschaikowskys berühmtem Ballett „Der Nussknacker“ nach E.T.A. Hoffmanns Märchen „Nussknacker und Mausekönig“. Und schon vor der Pause klatschte das dankbare Publikum im voll besetzten Saal begeistert.

Ballett-Chef Demis Volpi vermochte es, der Geschichte um Clara (Emilia Peredo Aguirre) und ihren Nussknacker (Orazio Di Bella), Weihnachtsgeschenk vom Patenonkel Drosselmeier (Dukin Seo), eine zeitlose, herzerwärmende Lesart zu geben. In der kann sich jeder – ob groß, ob klein – wiederfinden. Dabei erweist Volpi auch seine Reverenz dem legendären Choreographen Marius Petipa und seinem Ballettmeister Lev Ivanov, zusammen mit Tschaikowsky Schöpfer der Uraufführung 1892 im St. Petersburger Mariinsky Theater.

 

Ersehnte Bescherung

 

Er habe Erinnerungen aus seiner eigenen Kindheit ans Weihnachtsfest zu Hause heraufbeschworen, erklärte Volpi auf der Premierenfeier. Daher wohl die liebevolle Inszenierung mit großer, verschlossener Tür (Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf), vor der die Kinder sich die Zeit bis zur ersehnten Bescherung spielend und tobend vertreiben. Hinter dem Mattglas der Tür sieht man wie Scherenschnitte die geschäftige Familie Stahlbaum – vom Schmücken des Weihnachtsbaums übers Platzieren der Geschenke bis hin zum kleinen Vorfreude-Umtrunk.

Volpi gestaltet die Bescherung im  gutbürgerlichen Weihnachtszimmer wie ein lebendiges Bild. Das möchte man sich am liebsten mehrmals betrachten ob der feinen, zärtlich-ironischen Details: Wenn Onkel Drosselmeier so schwungvoll mit seiner kleinen Nichte tanzt, dass die den Boden unter den Füßen verliert. Oder wenn der Marionetten-Nussknacker von Onkel Drosselmeier, der sofort Claras Herz erobert, schließlich zum mannsgroßen Holz-Nussknacker mutiert. Mit holzig-steifen Gliedern wagt er ein Tänzchen mit Clara und deutet mit steifem Holzkopf sogar ein Küsschen in ihre Richtung an.

Die Interpretation der „Divertissements“ hat Volpi einem jungen Choreographen-Team überlassen. Die lösen des Wortes eigentliche Bedeutung als unterhaltender Zeitvertreib zauberhaft ein, bringen aber auch unmissverständlich die implizierte dramaturgische Interpretation als Claras Weg zum Erwachsenwerden ein. Ob der Mäusekrieg, der chinesische Tanz oder der Tanz der Rohrflöten – alles trägt eine individuelle Handschrift, ohne modernistisch zu wirken. Besonderer Augenschmaus ist sicher der Tanz der Rohrflöten und Mutter Cigogne und die Polichinelles, zusammengefasst im Cupcake-Tanz mit imposanter Torte als „süße Zwischenmahlzeit“, wie Michael Foster als Choreograf sein Divertissement beschreibt.

 

Aus der Traum

 

Wie schön, dass man sich ein Happy End erträumen darf: Zum Schluss erwacht in Volpis Version Clara nämlich nicht im Bett, und aus ist’s mit dem schönen Traum wie im Original.

Nein, Weihnachten ist zwar vorbei und die Tür schließt sich wieder. Aber das Publikum erkennt deutlich, dass Clara und ihr Mensch gewordener, gar nicht mehr holziger Nussknacker sich im Weihnachtszimmer einen zarten Kuss geben – vom Publikum draußen durch die Mattglas-Tür als Scherenschnitt zu sehen.

Ein Nussknacker zum Verlieben, befanden die Zuschauer und bejubelten heftig alle Akteure, das Inszenierungs- und Choreographenteam. Ebenso wie Dirigentin Marie Jacquot mit den Düsseldorfer Symphonikern, die erstmals wieder in voller Besetzung im Graben saßen.

Strahlende Augen auch bei Intendant Christoph Meyer und seiner kaufmännischen Direktorin Alexandra Stampler-Brown: Die Auslastung des Zuschauersaals betrug zur Premiere 98 Prozent, wie Meyer bei der Premierenfeier verkündete. Gut so. Schließlich hält auch die größte Verliebtheit leeren Kassen nicht stand…

Ballett-Premiere am 1. Oktober

September 23, 2021

Ein Ballett von Demis Volpi nach einem Schauspiel von Julio Cortázar wird am Freitag, dem 1. Oktober im Opernhaus Düsseldorf uraufgeführt.

Es ist das erste Handlungsballett, das Demis Volpi als neuer Chefchoreograph für das Ballett am Rhein geschaffen hat. Grundlage für sein Stück „Geschlossene Spiele“ ist ein Schauspiel des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar, das auf phantastisch-surreale Weise die Zeit der Militärdiktatur in Argentinien reflektiert und gleichzeitig eine zeitlos gültige Gesellschaftsparabel ist.

Cortázars meisterhaft inszeniertes Entgleiten bekannter Situationen in etwas Surreales, manchmal
sogar Bedrohliches, hat Demis Volpi zu einer vielschichtigen choreographischen Umsetzung inspiriert.
Heike Scheele hat für das Stück einen atmosphärischen Bühnenraum geschaffen, in dem sich Reales
mit Surrealem wie selbstverständlich mischt.

Ballett-Premiere: Far and near are all around“

Oktober 5, 2020

Zwei Uraufführungen verbergen sich hinter dem Titel des nächsten Ballettprogramms „Far and near are all around“ (Premiere am 15. Oktober) – beide widmen sich auf sehr unterschiedliche Weise dem Thema Nähe und Distanz.

Der in Amsterdam lebende spanische Choreograph Juanjo Arqués ist Young Creative Associate beim Het Nationale Ballet und darüber hinaus international im Tanzbereich, aber auch in Theater, Film und Mode tätig. Inspiriert von den Erfahrungen des Lockdowns entwickelt er mit dem Ballett am Rhein ein Stück über emotionale Widersprüche, Sehnsüchte und Verlustgefühle. So intensiv und weltweit vernetzt viele Menschen heute leben, so isoliert agieren sie häufig in ihren privaten Räumen. Eine seltsame Mischung aus Verbundenheit und Einsamkeit, die Juanjo Arqués zum Ausgangspunkt für seine Choreographie nimmt.

Farbenreiche Komposition

Distanz wahren und sich dennoch als ein sich gemeinsam bewegender Körper verstehen – in diesem Spagat lassen Tänzerinnen und Tänzer derzeit Kunst lebendig werden. In seiner Uraufführung geht es Demis Volpi weniger um die Vereinzelung des Menschen als um Zusammenspiel und Isolation von Bewegungen. Zu Caroline Shaws farbenreicher Komposition „Partita for 8 Voices“ lässt Volpi auf der Bühne Bewegungspattern entstehen und auseinandergehen und nutzt die musikalische Struktur des Stücks als Spielfläche für seine Kreation.

Ballett am Rhein lädt zum „First Date“ ein

September 8, 2020

Demis Volpi bei der Ballettprobe – Foto: Daniel Senzek

Die erste Ballettpremiere der Spielzeit in Düsseldorf heißt „A First Date“ und ist mit einem kleinteiligen und vielfältigem Programm ganz bewusst dem ersten Kennenlernen der unter Leitung von Demis Volpi neu formierten Ballettcompagnie gewidmet. Coronabedingt ist „A First Date“ in drei selbständige Episoden aufgefächert, die mit unterschiedlichen Choreographien an drei Abenden mit einer Dauer von jeweils etwa 70 Minuten viel Abwechslung versprechen.

Auch auf das choreographische Schaffen des neuen Ballettchefs kann beim „First Date“ schon ein neugieriger Blick geworfen werden: Sechs eigene Arbeiten – teilweise in Ausschnitten – und drei Uraufführungen hat Demis Volpi für sein erstes Programm mit dem Ballett am Rhein einstudiert. Premiere im Opernhaus Düsseldorf ist am 11., 12. und 13. September, im Theater Duisburg hat „A First Date“ ein Wochenende später Premiere. [Read more]